Dividown

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20.07.2020

Dividown

Das Börsenjahr 2020 schwankt zwischen dem Schlimmsten (–22,6 Prozent im ersten Quartal in Europa) und dem Besten (+13,5 Prozent im zweiten Quartal), und wie es ausgehen wird, ist gelinde gesagt ungewiss. Ein Punkt jedoch ist inzwischen entschieden: Was die ausgeschütteten Dividenden angeht, wird das Jahr 2020 eines der schlechtesten bleiben. Ein Paradebeispiel dafür ist Frankreich, wo nicht weniger als zwei Drittel der im CAC 40 enthaltenen Unternehmen ihre Jahresdividende gesenkt oder gestrichen haben. Zwar sind Dividendenkürzungen in Rezessionsphasen gang und gäbe (es gab sie beispielsweise auch während der Finanzkrise 2008/2009), aber ein besonderes Kennzeichen dieser Krise ist die beispiellose Zahl von Dividendenkürzungen bei den sogenannten Dividendenaristokraten.

Dieser protzige Ausdruck bezeichnet Unternehmen, denen es Jahr für Jahr sowie unabhängig vom konjunkturellen Umfeld gelingt, ihre Dividende je Aktie beizubehalten oder zu erhöhen. So setzte
beispielsweise LVMH nach über 25 Jahren der ununterbrochenen Steigerung seiner Dividende je Aktie ein Ende. Gleiches gilt für den Ölkonzern Royal Dutch Shell, der seine Dividenden seit dem Zweiten Weltkrieg stetig gesteigert hatte – auch wenn die Einführung einer Stockdividende vor einigen Jahren bereits ein ernster Bruch mit dieser Regel war. So üblich Dividendenkürzungen bei hochrentablen Unternehmen sind, die meist eine zyklische Geschäftstätigkeit ausüben und/oder angespannte Bilanzen haben, so wenig sind die Dividendenaristokraten diese Praxis gewohnt; sie sind meistens in weniger zyklischen Bereichen tätig und haben überdurchschnittlich solide Bilanzen.

Was das laufende Jahr betrifft, lässt sich noch keine sichere Bilanz ziehen, da manche Konzerne ihre Entscheidung über die Ausschüttung von Dividenden lediglich „verschoben“ haben, was hoffen lässt, dass zum Jahresende doch noch eine Ausschüttung erfolgt. Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand lässt sich jedoch Folgendes feststellen: 40 Prozent der Unternehmen, die der kleinen Familie der Dividendenaristokraten angehören, haben ihre Dividendenzahlung in diesem Jahr gesenkt oder ausgesetzt, während es in der Krise 2008/2009 nur 17 Prozent waren.*

Die Erklärung dieses Aderlasses findet ihren Ursprung im besonderen Charakter der derzeitigen Krise, die mit der COVID-19-Pandemie zusammenhängt. Dieses Mal geht es nämlich weniger um den zyklischen oder defensiven Charakter der Geschäftstätigkeit, die ein Unternehmen ausübt, als darum, ob es während der Krise offen bleiben kann. Dadurch hat eine neue Dichotomie das Licht der Welt erblickt, unter anderem in „defensiven“ Sektoren wie Gesundheit und Lebensmittel – und zwar zwischen Unternehmen, die produzieren und offen bleiben konnten, einerseits und Unternehmen, die den Vertrieb über Verkaufsstellen abwickeln und geschlossen wurden, andererseits. Darum gelingt es Novartis, Roche und Sanofi, eine steigende Dividende zu bewahren, während Essilor-Luxottica und sein deutscher Konkurrent Fielmann ihre Dividenden gestrichen haben. Gleiches Prinzip im Lebensmittelsektor: Die Hersteller Nestlé und Danone konnten ihre Dividenden weiter erhöhen, während der Kantinenbetreiber Compass und der Sandwichanbieter Greggs ihre Dividenden ausgesetzt haben.

Diese Dividendensenkungen und -streichungen sind alles andere als nebensächlich, wirken sie sich doch nachhaltig auf die Performance und die Bewertung der betreffenden Unternehmen aus. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen tendenziell, dass die Anleger Unternehmen, die alljährlich ihre Dividende erhöhen, einen Bewertungsaufschlag einräumen. Nun aber könnte ein Bruch in dieser Aktionärsentlohnung durchaus die gegenteilige Wirkung auf die frisch gebackenen „Bürgerlichen“ haben.

*Laut den Angaben in unseren selbst erstellten Datenbanken.

Von Value team, Juli 2020

Bildquelle : Pixabay

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